Stand: 08.12.2017/ Bild: twitter.com/daosanchez26

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Scoutbericht:

Allgemeines: Wenn man vom besten Abwehrspieler der vergangenen Saison in der niederländischen Eredivisie spricht, ist natürlich vom 21-jährigen Kolumbianer Davinson Sánchez die Rede. Allerdings ist dieser seit dem letzten Sommer nicht mehr in der Niederlande, sondern in England aktiv, aber alles der Reihe nach.

Mit vollem Name heißt der in Caloto geborene Südamerikaner Davinson Sánchez Mina. Seine Geburtsstadt, welche rund 30.000 Einwohner umfasst, ist seit dem Bürgerkrieg in Kolumbien als einer der am meisten verrufenen Orte für Aufstände und Guerillakrieg im ganzen Land bekannt. Demnach war seine Kindheit in diesem Ort nicht ganz ungefährlich oder einfach, denn teilweise konnte man seinen alltäglichen Sachen nicht nachgehen oder auch nur das Haus verlassen, da die Straßen nicht immer sicher waren. In der Schule hatte der Rechtsfuß keine anderen Gedanken als ans Fußballspielen nach Schulschluss, was seine Eltern natürlich sehr bedauerten.

Zunächst spielte er damals in der Jugend bei America de Cali, was allerdings rund zwei Stunden von ihm entfernt lag. Sein Vater, der in der Zuckerproduktion arbeitete, begleitete ihn damals dorthin, auch um sich selbst zu vergewissern, dass sein Sohn sicher war. Um dies zu schaffen, arbeitete er meistens extra dafür in der Frühschicht, um früher Schluss zu haben und sich seinem talentierten Sohn widmen zu können. Verpasste Davinson allerdings einmal den Bus, so war der Tag für ihn damals gelaufen. An sich eine schwierige Situation, doch das habe ihm laut eigener Aussage geholfen, disziplinierter zu werden und darauf ist er nun besonders stolz, denn zum Training ist er noch nie zu spät gekommen. Auch aufgrund dessen will er für die Kinder in seiner Heimat ein Vorbild sein: „Ich kann ein Vorbild für die Kinder sein, um ihnen zu zeigen, dass sie sich ihre Träume erfüllen können. Es ist wichtig die Mentalität der jungen Menschen zu ändern.“

Früher spielte der 1,87m große Defensivspezialist noch eher im Mittelfeld, womit er allerdings alles andere als glücklich war. Auch das war letztendlich ein Grund für ihn, den Verein zu wechseln und sich Atlético Nacional anzuschließen, den Verein mochte er noch nicht einmal, aber dort sah er für sich die besten Entwicklungsmöglichkeiten und er sollte mit diesem Wechsel letztendlich alles richtig gemacht haben. Sein dortiger Trainer Juan Carlos Osorio fand die optimale Position für ihn in der Innenverteidigung, welche auch heute noch seine Hauptposition darstellt. Einsätze auf dieser Position bekam er allerdings erst unter Osorios Nachfolger Reinaldo Rueda.

Wechsel nach Barcelona?

Durch starke Leistungen mit dem Team und dem damit verbundenen Titelgewinn der Copa Libertadores machte der junge Abwehrspieler schließlich viele Klubs auf sich aufmerksam und so kam es, dass neben dem FC Basel aus der Schweiz und Ajax Amsterdam aus der Niederlande auch der Spitzenklub FC Barcelona aus Spanien Interesse an einer Verpflichtung zeigte. Sein Engagement in der B-Mannschaft von Barcelona galt auch zu diesem Zeitpunkt als sehr sicher, da sich alle Parteien schon über einen Wechsel einig waren, doch der Spieler selbst entschied sich dagegen: „Ich will nicht für ein Reserveteam spielen!“ Damit war der Wechsel vom Tisch, denn er legte zu diesem Zeitpunkt aus gutem Grund mehr Wert auf regelmäßige Einsätze auf hohem Niveau anstatt auf Einsätze in irgendeinem B-Team. Wenig später wechselte er dann letztendlich im Sommer 2016 für eine Ablösesumme in Höhe von circa 5 Mio. € in die Niederlande zum von Peter Bosz trainierten Ajax Amsterdam, unter welchem er direkt eine tragende Rolle spielte. Nicht ohne Grund beschrieb ihn Bosz wenig später schon ähnlich wie seine Mitspieler auch als „Monster“, denn er spielte mit Ajax eine überragende Saison, in der er ein Lob nach dem anderen einheimsen konnte. So sagte sein ehemaliger Trainer Rueda: „Davinson war eine Offenbarung und er hat eine große Zukunft vor sich. Während seiner ersten Saison bei Ajax hat er eindrucksvoll seinen Charakter und seine Fähigkeiten demonstriert. Er ist außergewöhnlich und ich kenne seine Überzeugung.“ Allerdings war das nicht das einzige Lob für ihn, denn der Niederländer Ruud Gullit fand ebenfalls starke Worte für den Kolumbianer: „Er ist der beste Verteidiger bei Ajax Amsterdam seit Jaap Stam.“

Spurs als nächster Schritt

Bereits nach einer Saison hatte er den Durchbruch in Europa quasi schon geschafft und zog das Interesse von Tottenham Hotspur auf sich. Die Spurs ließen im Rennen um den Nationalspieler nicht locker und so wechselte er bereits im Sommer 2017 nach England zu Tottenham. Bereits nach nur einem Jahr bei Ajax zog es ihn also schon weiter, doch Amsterdam bekam für ihn auch eine stattliche Ablösesumme in Höhe von rund 40 Mio. €. Bei den Londonern bekam er die Nummer 6 und unterschrieb einen langfristigen Vertrag bis 2023, und das trotz erneutem Interesse vom FC Barcelona sowie von Real Madrid. Über diesen Wechsel freute er sich riesig und besonders an der Arbeit mit Mauricio Pochettino findet er große Freue: „Ich sah die Chance, als Spieler zu wachsen. Er ist wirklich ein großartiger Trainer. Um ein großartiger Trainer zu sein, musst du ein großartiger Mensch sein. Er macht Witze mit dir, aber dann gehst du da raus und willst für ihn kämpfen.“ Doch wenn jemand denkt, dass er es nun geschafft hat und sich vielleicht ein wenig zurücklehnen könnte, dann hat er weit gefehlt, denn Sánchez, dessen Vorbilder Franco Baresi und Sergio Ramos sind, jedoch immer wieder ein wenig mit Jerome Boateng verglichen wird, gilt als äußerst ambitioniert und äußert sich auch zu seinen Zielen: „Durch meinen Ehrgeiz habe ich bisher viel erreicht. Ich weiß, dass ich noch mehr erreichen kann. Das ist noch nicht mein Limit!“ Doch was ihn zu einem der besten und talentiertesten Innenverteidiger-Talente seiner Generation macht und wieso er auch bei den Spurs direkt zum Stammspieler geworden ist, werden wir euch nun genauer erläutern.


Stärken: Zunächst einmal kann man direkt feststellen, dass er ein überaus selbstbewusster Typ ist, der sowohl auf als auch neben dem Platz genau so auftritt und einen vortrefflichen Charakter besitzt. Hinzu kommen die Ambitionen, die er besitzt, denn aufgrund seines noch jungen Alters hat er natürlich noch viel vor in nächster Zeit und will somit noch so einiges erreichen. Als allererstes gehen wir natürlich, weil wir über einen Verteidiger berichten, auch auf seine Defensivqualitäten ein. Durch eine sehr gute Antizipation sowie sein starkes Stellungsspiel kann er relativ viele Bälle abfangen und so den Ballbesitz für sein Team sichern. Dies liegt zum einen an seiner Fähigkeit, das Spiel lesen zu können, und zum anderen an seiner Reaktionsschnelligkeit, denn er ist meistens den einen entscheidenden Schritt schneller als die gegnerischen Angreifer. In Zweikämpfe geht der Kolumbianer sowohl sehr resolut als auch aggressiv, trotzdem ist er bekannt für seine Fairness sowie stark getimten Tacklings, durch die er oft gefährliche Situationen bereinigen kann. In Kopfballduelle braucht man mit ihm ebenso nicht wirklich gehen, denn in diesen zieht man aufgrund seiner Stärke in Kopfballduellen meistens sowieso den Kürzeren. Dadurch ist er aber auch in der Offensive bei eigenen Standardsituationen immer mal wieder für eine Torbeteiligung gut.

Herausstechende Geschwindigkeit

Was aber bei ihm definitiv direkt auffällt, ist seine beeindruckende Schnelligkeit. Trotz seines Tempos ist er aber zudem auch physisch eine wahre Bestie und so nur ganz schwer zu bezwingen. Insbesondere durch diese beiden zuletzt genannten Stärken passt er auch optimal in die englische Premier League, denn durch sein Tempo kann er die teilweise sehr schnellen gegnerischen Angreifer dann doch manchmal sogar recht einfach ablaufen und stellen. Sobald er sie einmal eingeholt hat, bringt er entweder seinen Körper zwischen Angreifer und Ball oder er setzt eine seiner herausragenden Grätschen an, die man bei ihm dann doch recht oft in überzeugender Manier zu sehen bekommt.

Durch diese Attribute ist er auch wie gemacht für offensive, hochstehende Systeme, da er im Vergleich zu vielen anderen Innenverteidigern auch bei Überspielen der letzten Verteidigungslinie noch in der Lage ist, die Angriffe des Gegners durch die eben genannten Stärken noch zu unterbinden, bevor sie so richtige gefährlich werden können.

Doch nicht nur in der Defensive ist der Südamerikaner zu gebrauchen, denn auch im Aufbauspiel besitzt er exzellente Fähigkeiten. So verfügt er über eine beachtliche Übersicht, sodass er quasi jederzeit einen freien Mitspieler finden kann, und das schafft er auch unter gegnerischem Druck! Jedoch ist dafür natürlich nicht nur die Übersicht von Nöten, sondern auch ein exzellentes Passspiel, was wir bei ihm auf jeden Fall vorfinden. So zeigt er in der aktuellen Saison eine nahezu magische Passgenauigkeit und bringt mit sage und schreibe 91% Passquote so gut wie jeden Pass an den richtigen Mann. Dieser Wert ist in der gesamten Liga zudem einer der besten und zeigt seine herausragenden Fähigkeiten.



Schwächen:  Bei ihm noch irgendwelche Schwachpunkte zu finden, erweist sich als durchaus schwere Aufgabe, denn für sein Alter ist er definitiv schon sehr weit. Bei Standardsituationen positioniert er sich manchmal noch ein wenig unglücklich und ab und an hat er auch noch kleinere Konzentrationsprobleme, wodurch ihm eher leichte und zu billige Fehler unterlaufen, die für einen Abwehrspieler natürlich fatal sein können. Diese beiden Schwächen sind aber absolut behebbar und eigentlich jetzt schon kaum noch wahrzunehmen, also sind sie letztendlich Kritik auf sehr hohem Niveau.

Insgesamt fehlt ihm natürlich noch ein wenig die Erfahrung auf sehr hohem Niveau, denn in der Nationalmannschaft kam er bislang noch nicht zu vielen Einsäten. Ansonsten lief er in Europa halt auch „nur“ in der Eredivisie und in der Europa League auf, in welcher er erste Erfahrung gegen etwas stärkere europäische Teams wie Manchester United sammeln konnte. Durch seinen Wechsel zu den Spurs sammelt er momentan aber schon fleißig Einsätze sowohl in der Premier League als auch in der Champions League und holt sich dadurch diese notwendigen Erfahrungen.


Prognose: Nach und vor allem durch die abgelaufene letzte Saison bei Ajax Amsterdam, welche bekanntlich sehr erfolgreich war, hat sich Sánchez bei vielen einen Namen gemacht, denn er war einer der Hauptverantwortlichen fürs Erreichen des Europa League-Finales. Demzufolge waren auch viele Top-Klubs an seiner Verpflichtung interessiert, bis er die Niederlande am Ende in Richtung England verließ.

Bei Tottenham scheint er sich wieder einmal sehr schnell zurechtzufinden und hat sich bereits seinen Stammplatz in der Startelf von Trainer Mauricio Pochettino hart erarbeitet, der ihm Woche für Woche sein vollkommenes Vertrauen schenkt. Dementsprechend war der Wechsel nach England für ihn wohl der richtige Schritt, um sich in einer ganz großen Liga langsam etablieren und beeindrucken zu können. Trotzdem wird er wohl weiterhin von größeren Klubs wie Real Madrid, dem FC Bayern München und auch dem FC Barcelona beobachtet werden, denn sollte er sich so rasant weiterentwickeln können wie bisher, wäre er vielleicht ein Kandidat für eine Verpflichtung bei einem dieser Vereine.

Nun sollte man aber erstmal genau abwarten, ob er sein Niveau vom Beginn der Saison über die gesamte Spielzeit der Saison konstant abrufen und er noch einen weiteren großen Schritt in Richtung Weltklasseniveau machen kann. Wir sehen in ihm jedenfalls das Potenzial, einer der besten Innenverteidiger in ganz Europa werden zu können und sehen ihn auf dem besten Weg dorthin. Sollte ihm dies gelingen, dann wird er zwangsläufig auch ein ganz wichtiger Teil in der Nationalmannschaft werden können, dessen kann man sich ganz sicher sein.

Autor: Florian Först

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