Bild: twitter.com/OfficialRolly38

Hier gehts zum aktuellen Transfermarkt.de-Profil:

Scoutbericht:

Rolando Mandragora (20) - Italiens neuer Andrea Pirlo?


Allgemeines: Stell dir vor du hast dein erstes Match für deinen neuen Club und spielst dermaßen bescheiden, dass du von sämtlichen relevanten überregionalen Tageszeitungen in Italien zum schlechtesten Spieler der Partie deklariert wirst! Es gibt gewiss schönere Starts bei einem neuen Verein als den, den Juventus-Talent Rolando Mandragora beim süditalienischen Erstligisten FC Crotone erlebte. Zugegebenermaßen sollte auch die zahlenmäßige Unterlegenheit thematisiert werden, da die Kalabresen gegen die Millionentruppe des AC Milan schon ab der achten Spielminute, aufgrund einer roten Karte für Innenverteidiger Ceccherini, in Unterzahl gerieten. Doch getreu dem Motto „wenn du auf dem Boden liegst, kann es nur noch besser werden“, schaffte es der junge Italiener die Leistungen seit seiner katastrophalen Performance gegen die Rossoneri dermaßen zu steigern, dass er aktuell zu den zehn besten U23-Spielern der Serie A gehört und von den Medien als neuer Andrea Pirlo geadelt wird.

Betrachtet man die bisherige Karriere des gebürtigen Neapolitaners, dann ist es keine Überraschung, dass sich der Mittelfeldmann von Rückschlägen nicht aus der Fassung bringen lässt. Bereits in der Jugend fiel er bei einigen Serie A-Clubs im Sichtungstraining durch, da man ihn als zu klein empfand. Der kleine Junge gab jedoch nicht auf und wurde schließlich vom FC Genua verpflichtet. Bei den Liguriern geriet er in die Obhut von Jugendcoach Fabio Liverani, der nicht nur an der mentalen Stärke des Teenagers feilte, sondern ihm ebenso das körperbetonte Spiel vermittelte. Mandragora saugte alles was ihm von Liverani vermittelt wurde auf wie ein Staubsauger. Seine konstant überragenden Leistungen blieben dem damaligen Genua-Serie-A-Coach Gianpiero Gasperini, heutiger Atalanta Bergamo-Trainer, nicht verborgen und so nahm er ihn bei den Profis auf.

Serie A-Debüt gegen die alte Dame

Am 29. Oktober 2014 war es endlich soweit und Mandragora feierte im Alter von nur 17 Jahren und 4 Monaten sein Serie A-Debüt gegen keinen Geringeren als den italienischen Rekordmeister Juventus Turin! Das Magische an diesem Spiel war die Tatsache, dass der Jungspund es hauptsächlich mit dem damaligen Wunderkind Paul Pogba zu tun bekam. Kurioserweise machte der Edeltechniker seine Sache mehr als gut und schaltete den Franzosen nahezu aus. Der Star der alten Dame machte keinen Stich und die Zuschauer im Stadio Luigi Ferrari durften nach 90 Minuten einen 1:0 Sieg ihres Teams bejubeln. Genuas Eigengewächs wurde nach dem Spiel wenig überraschend mit Lobeshymnen geradezu überschüttet:

„Ich fand Mandragoras Leistung richtig stark und ich gebe niemanden die Chance, der es nicht wirklich verdient hat“, lobte Gasperini ihn in der anschließenden Pressekonferenz. „Er ist gerade mal 17 Jahre alt, aber hat jetzt schon eine sehr professionelle Einstellung. Ich brauchte einen Spieler mit seinen Eigenschaften und er bewältigte dieses große Spiel mit einer absoluten Gelassenheit.“

Nach dem Hoch folgt ein Tief

So beeindruckend dieses Spiel für Mandragora war, desto enttäuschender war der restliche Saisonverlauf für das Talent. Er kam kaum noch zum Zug und musste sich hinter dem kongenialen Duo Andrea Bertolacci und Stefano Sturaro anstellen. Beide zentralen Mittelfeldspieler waren in der Form ihres Lebens und eine Nummer zu groß für den erst 17-Jährigen. Genua lieh ihn anschließend in der Serie B an Delfino Pescara aus, damit er dort mehr Einsatzzeit bekommt. Er machte den nächsten Schritt bei den Delfinen und spielte eine außerordentliche Saison, welche am Ende sogar mit dem Serie A-Aufstieg gekrönt wurde. Ebenso verfeinerte er sein Spiel und lernte auch unter Druck die Ruhe zu bewahren. Seine Darbietungen in Italiens zweiter Liga riefen vor allem die Juve-Scouts auf den Plan. Nach der Saison war es dann soweit und die „Bianconeri“ verpflichteten das Talent für stolze sechs Millionen Euro Ablösesumme. Gut investiertes Geld wie sich später noch erweisen sollte.
Da Juventus ihn weiterhin an Pescara und ab dieser Saison an den FC Crotone auslieh, konnte der 1,83-Meter-Mann seit fast zwei Jahren konstant Serie A-Luft schnuppern und einen weiteren entscheidenden Schritt in seiner Entwicklung machen.


Stärken: In Walter Zengas 4-3-3 System nimmt Mandragora die Rolle des zentralen Sechsers ein. Seine taktische Affinität ermöglicht es ihm, die Räume effektiv zuzulaufen und das Bindeglied zwischen Defensive und Offensive darzustellen. Man kann ihn also als den Dirigenten des FC Crotone bezeichnen, der den Rhythmus des Spiels bestimmt. Diese Rolle ist ihm wie auf den Leib geschneidert:

„Ich bin ein Mittelfeldspieler, der es sehr mag oft den Ball zu haben. Ich besitze eine gute Technik, kann aber auch defensive Aufgaben erfüllen. Ich versuche immer 100% für das Team zu geben!“ so Mandragora über seine Rolle.

Eine von Mandragoras größten Vorzügen ist ohne Zweifel sein sauberes und präzises Passspiel. Egal ob kurz oder lang, direkt oder verzögert, er spielt sie konstant auf einem hohen Niveau. Gefürchtet sind vor allem seine direkten Pässe aus der Tiefe in die Spitze, denn er erkennt blitzschnell Lücken in der Abwehr des Gegners und das auch über weite Distanzen. Das bekam auch Sampdoria Genua in der laufenden Saison zu spüren, als Mandragora mit einem direkt genommenen Steilpass aus der eigenen Hälfte Stürmer Nwankwo steil schickte und so das 4:1 für die Süditaliener einleitete. Diese Übersicht kombiniert mit einer enormen Spielintelligenz und einer hervorragenden Technik macht ihn zu einem exzellenten Aufbauspieler.

Der Abfangjäger

Obendrein besitzt er die Gabe, beeindruckend oft die Spielzüge des Gegners zu lesen. In 23 Serie A-Partien fing er wie ein Abfangjäger unfassbare 67 Pässe des Gegners ab und münzte sie in eigenen Ballbesitz um! Kein Serie-A-Mittelfeldspieler schaffte mehr als Crotones „Regista“! Selbst Weltklasse-Sechser N‘Golo Kanté vom FC Chelsea muss sich auf seinem Fachgebiet mit „nur“ 51 antizipierten Pässen in 26 Einsätzen eindeutig geschlagen geben. Darüber hinaus besitzt er ein sehr reifes Stellungsspiel und weiß ganz genau wie er sich bei gegnerischen Ballbesitz zu platzieren hat.

Doch auch in direkten Zweikämpfen ist Mandragora unheimlich gereift. Besonders körperlich hat er gelernt sich durchzusetzen. Selbst Romas bulliger Achter Radja Nainggolan musste körperlich alles in die Waagschale werfen, um sich Italiens Juniorennationalspieler vom Hals zu halten. Diese physische Stabilität hilft ihm mehr als 50% seiner Duelle in der Luft und gleichermaßen am Boden für sich zu entscheiden. Während er vor ein paar Jahren noch dafür kritisiert wurde, unter Druck zu schnell nervös zu werden und den Ball abzuschenken, hat er sich nun angeeignet, auch unter starkem Pressing des Gegners die Ruhe zu bewahren.


Schwächen: Zwar besitzt Mandragora keinerlei signifikante Schwächen, jedoch nutzt er seinen rechten Fuß sehr selten. Daraus resultierend sind seine Pässe etwas limitiert, wenn er vom Gegner so angelaufen wird, dass er sich den Ball auf den schwachen Fuß legen muss. Darüber hinaus fehlt ihm noch die Dominanz eines echten Spielgestalters, da er zu häufig Phasen im Spiel besitzt, in denen er völlig untertaucht und sich lediglich auf seine Defensivaufgaben fokussiert.

Gerade gegen die Protagonisten der Serie A setzte der Rohdiamant nur wenig spielerische Akzente. Der Vergleich der italienischen Gazetten mit Andrea Pirlo ist daher unpassend, da sich der Weltmeister von 2006 über seine spielerischen Skills definierte, während Mandragora eher mit einem außerordentlichen Defensivverhalten das Spiel seiner Mannschaft aufwertet und somit vom Spielertyp eher PSG-Sechser Thiago Motta gleicht.


Prognose: Talentierte junge Spieler gibt es wie Sand am Meer, doch macht die Disziplin eines Talents meist den Unterschied. Juves‘ Sechs-Millionen-Talent gilt in der Szene als sehr disziplinierter Fußballprofi. Taktisch wie auch aus menschlicher Sicht besitzt er den perfekten Nährboden für eine außerordentliche Karriere. Juventini auf der ganzen Welt sollten diesen jungen Mann im Auge behalten, denn sie werden ihn schneller als Protagonist bei der alten Dame wiedersehen, als manch einer derzeit vermutet. Denn ein Rolando Mandragora lässt sich von nichts und niemandem zurückwerfen, erst recht nicht von einem mehr als schlechten Start beim FC Crotone.

Autor: Sascha Baharian/ Stand:08.04.2018

Alle Fähigkeiten auf einen Blick: